Wie schaffen wir ein Immunsystem für die Digitale Zukunft?

Wie schaffen wir ein Immunsystem für die Digitale Zukunft?

Am Freitag den 22. März 2019 lud Sabine Hoffmann (ambuzzador) an einen großen Tisch, in die Turnhalle im 15. Wiener Gemeindebezirk. Fitness war Programm, schließlich drehte sich der Austausch rund um den Aufbau eines psychologisches Immunsystems (=Resilienz) für den Tag an dem die Digitale Disruption „zuschlägt“.

Unter der Leitung von Peter Sempelmann (Der Trend) teilten Digitale Vordenker, wie Prof. Annika Wolf (Lehrstuhl für Entrepreneurship in Emden), Herwig Kummer (Personalmanager ÖAMTC), Peter Pilz (Partner BDO, Graz), Claudia Winkler (Gründerin goood Mobile), Gerhard Kürner (Lunik2) und Jennifer Djongow (Expertin in Katastrophenmanagement), ihre Erfahrungen, Leidenschaften und Bedenken zum Thema Digitalisierung und Resilienz.

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Kann sich die Wirtschaft auf die Digitalisierung vorbereiten?

Wenn man Touren geht, dann kann man sich auf einen Lawinenabgang vorbereiten. Man kann einen Piepser mitnehmen, eine Sonde mitführen, eine Schaufel bei Hand halten und gängige Verhaltensregeln konsequent anwenden. Selbst aber wenn wir den Hang ausgiebig studieren und uns mit unserer Begleitung vorm Ernstfall abzusichern versuchen, wenn tatsächlich was passiert, werden wir uns unvorbereitet fühlen.

So ähnlich geht es Unternehmen täglich mit der Digitalen Transformation ihrer Geschäftswelt. Wir können nicht wissen was auf uns zukommt und können uns nur schwer vorstellen was es bedeutet, von einem Moment zum Nächsten den Boden unter den Füßen zu verlieren. Was dann zu tun ist, wenn uns die Technologie erstmal überholt hat, können wir erst recht nicht beantworten.

Die Frage, die wir uns also stellen müssen, fasst Peter Sempelmann passend zusammen: „Wie überstehen wir das?“ Dafür müssen wir über mentale Widerstandskraft, die sogenannte „Resilienz“ sprechen.

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Antworten auf den digitalen Wandel finden.

„Wie gehe ich mit Problemen um, die ich noch nicht kenne? Wie stelle ich Fragen und was bewegt mein Gegenüber tatsächlich? Das sind die Dinge, die wir lernen müssen!“ rät Annika Wolf auch ihren Studierenden, um sie auf die Digitale Zukunft vorzubereiten. Die Schwierigkeit ist es also Antworten auf Fragen zu finden, die man heute noch gar nicht stellen kann. Diese Unsicherheit oder dieses Chaos, ist das Leitmotiv des Digitalen Zeitalters, ein Dauerzustand, der uns auch 2019 nicht in Frieden lässt. Gerade deshalb müssen wir uns bewusst werden, wo wir stehen und was wir können.

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Cynefin Framework, adaptiert von A. Diaz-Maroto und ambuzzador

„Corporates sind auf Risikovermeidung programmiert“ skizziert Gerhard Kürner. Was Unternehmen aber brauchen, um das digitale Zeitalter zu erkunden, ist ein Risiko-Seeker Mindset (wie wir es von StartUps kennen): Neugierde und Respekt vor dem was es zu lösen gilt und den Mut es auszuprobieren!

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Entlang iterativer Prozesse des Experimentierens entwickelt ein Unternehmen eine individuelle und kollektive Widerstandsfähigkeit. Diese Exposition des Unternehmens, widerspricht gänzlich dem Verständnis der klassischen Unternehmensführung.

Doch Agilität alleine, reicht nicht um disruptive Ereignisse zu meistern, wie von Jennifer Djongow in ihrem Gedankenexperiment rund um einen Blackout eindrucksvoll demonstriert – Die Energieversorgung im Land ist unterbrochen und das bedeutet mehrere Tage Stromausfall und damit einen Ausfall der kompletten Infrastruktur: Wasser, Verkehr, Kanalisation, Geldfluss, … Sind Sie heute für dieses Szenario vorbereitet? Haben Sie unverderbliche Konserven gelagert, Wasser in Flaschen abgefüllt und genug Bargeld in den Taschen? Vermutlich die Wenigsten von uns. Unsere Gesellschaft, die Politik und auch die Arbeitswelt, sind für solche und ähnliche Fälle, oft nicht ausreichend gewappnet. Trotzdem, unerwartete Ereignisse verlangen auch die Vorbereitung von geübten Routinen und verlässlichen Fall-Back-Szenarien.

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How to kill or tame a dragon?

Ein Zitat von Claudia Winkler beschreibt es sehr passend: „it´s like playing a computer game. When you succeed in one level you are happy and proud. Then you get to the next level and find out you did not win, but the dragons on this level just got bigger".

Es liegt an uns zu entscheiden, ob wir diese Drachen nun mit einer neuen Strategie besiegen müssen, ob wir Ihnen ausweichen oder ob wir sie gar zähmen können. In diesem Sinne stellen wir uns täglich die Frage: „How to kill or tame a dragon?“

Schlussendlich muss man dafür auf sich und seine Fähigkeiten in chaotischen Situationen vertrauen empfiehlt Annika Wolf nicht nur Ihren Studierenden, sondern auch den Teilnehmern der Diskussion.

Wichtig hierfür ist die Resilienz jedes einzelnen. Empathie, Neugierde und eine gewisse Veränderungsbereitschaft, sind Grundvoraussetzungen, um für die Zukunft gewappnet zu sein. „Ein bisschen mehr wie ein Kind denken, um sich von alteingesessenen Logiken unabhängig machen.“: schlägt Gerhard Kürner vor.

Gleichzeitig darf man, wie Herwig Kummer sehr gut ergänzt, nicht das Ziel dieser „Übung“ aus den Augen verlieren. Um echte Lernfortschritte zu machen, muss man sich täglich fragen: „Wofür mache ich das eigentlich? Was ist der Purpose? Wo wollen wir hin und was wollen wir daraus lernen?“ Stichwort: Psychological Saftey.

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Die Digitalisierung hält nicht vor der Gesellschaft und auch nicht vor der Industrie!

Dass die Digitalisierung längst kein Trend mehr ist, sondern ein laufender Prozess, in dem wir uns bereits befinden (ob wir wollen oder nicht) – das verdeutlicht auch Peter Pilz, Partner bei BDO: „Mittlerweile gibt es ja sogar Scheidungsautomaten! Angenommen, Amazon beginnt morgen mit digitaler Steuerberatung, dann sieht unser Business ganz anders aus als heute… Versicherungen, Banken, Juristen, all diese Berufe, denen man ewiges Bestehen nachsagt, könnten sich morgen ganzheitlich verändern.“ Der Handlungsbedarf ist omnipräsent. Die Zukunft wird zeigen, welche Player sich an die neuen Regeln angepasst haben und welche vom Brettrand gestoßen werden.

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Die agile Organisation.

Seit der Schule vermeiden wir Fehler, weil wir gelernt haben, dass Fehler schlecht sind. Benotet werden wir tatsächlich nach Systemkonformität. Wer brav seine Hausaufgaben macht und dem Lehrer die Wünsche von den Lippen abliest, bekommt ein „sehr gut“. Wer Inputs liefert, die nicht vom Notenschlüssel erfasst werden, der macht das „umsonst“ oder „lernt fürs Leben“, wie man oft unbefriedigenderweise zu hören bekam. Noten von damals, sind KPI’s von heute und eigentlich hat sich nichts geändert.

Es ist also Aufgabe des Leaderships, dieses alte Denken aufzulösen oder zumindest aufzulockern. Eine gesunde Fehlerkultur ist Humus für neue Ideen und Fortschritt. „Unter Stress, falle ich in meine alten Denkweisen zurück.“: gesteht Claudia Winkler der Runde. Als Führungskraft ist es also wichtig, ständig diese Revolution im Kopf zu üben und auch bei den Mitarbeitern zu entzünden.

Sabine Hoffmann liefert als Antwort auf dieses Panoptikum: „Die Veränderung beginnt bei jedem selbst. Ich habe eine lange Reise an Ausbildungen und persönlicher Entwicklungen hinter mir und auch vor mir, um jeden Tag auf‘s Neue den Leadership Stil und die Arbeitsweisen parat zu haben, die mich, mein Team und unsere Kunden durch´s Digitale Zeitalter navigieren.“

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Wir zerstören unser eigenes Geschäftsmodell!

„Digitale U-Boote zerstören unser eigenes Geschäft“: stellt Peter Sempelmann etwas provokant in die Runde. Es ist nämlich genau diese Furcht, die Organisationen heute oft daran hindert, einen Schritt aus der Komfort-Zone zu wagen. Wie kann man dieses Problem also umgehen?

Die Antwort liegt im Schaffen neuer Lernzonen, also Projekte, die neben dem operativen Geschäft dafür verwendet werden können, Prozesse zu testen und zu verbessern. Man muss auch bereit sein „loszulassen“, damit sich die Organisation weiterentwickeln kann. Das bedeutet auch das Abgeben von Macht an die Menschen, die gemeinsam an der Lösung komplexer Probleme arbeiten. „Das gelingt durch das Schaffen neuer Dialogformen, die ohne die Berücksichtigung von Hierarchien stattfinden“: weiß Herwig Kummer.

Dialog ist das Stichwort: Dieser Austausch war der Auftakt einer Bewegung, die sich mit unterschiedlichsten Blickwinkeln und Facetten zur Resilienz befassen wird. In möglichst diversen Zusammensetzungen und Formaten.

Ein herzliches Dankeschön an die TeilnehmerInnen dieser Runde, u.a. Patrick Gründler (Head of Digital Sales, A1), Karin Krobath (Identifire), Elke Schrittwieser (Esim), Michael Friedmann (Head of Innovation & Marketing, Rosenbauer), Alexander Weiss (Business Development, MM-Holz), Susanna Wieseneder (Personal Counseling), Astrid Wecht (Chill the monkey), Barbara Schuch (Austrian Airlines, Pursor), Alexandra Pusta (Nikon), Kristiane Spiegl (Innovation, Niederösterreich Werbung),

Wir freuen uns auf MitstreiterInnen, Themen und konkrete Impulse! Treten Sie mit uns in Kontakt und gestalten Sie mit in der LinkedIn Gruppe… wo wir auch die nächsten Veranstaltungen kommunizieren werden. Zum Weiterlesen empfehlen wir den Blog von Herwig Kummer zum Thema Resilienz!