Social Business Excellence | Brandeins Konferenz – So geht Zukunft.

Sabine Hoffmann und Monika Smith waren auf der 2. brandeins Konferenz in Hamburg und teilen hier ihre Erkenntnisse zum Thema Offenheit, als Basis für Neues. Für den nächsten Schritt in Richtung Digitales Zeitalter.

Panel 1 | Offen denken

Den Auftakt machte die YouTuberin Marie Meimberg, mit einer emotionalen Einführung in die Medienrevolution: wenn Menschen Medien machen aus ihrer Perspektive. Emotion und Interessen haben da nebeneinander Platz. Im Fall Marie Meimberg, einer der ersten YouTuberInnen Deutschlands, ist Offenheit wichtige Voraussetzung. Offenheit, die authentisch, aber auch angreifbar macht. Je authentischer, umso mehr Reichweite und Mediawert bringt der Kanal. Und umso mehr Verantwortung. Entscheidend ist die Frage, wie man in diesem Umfeld mit Produktplatzierung und Kennzeichnung umgeht. Jedenfalls transparent, wenn es nach Marie Meimberg geht.

Was das für die Markenführung und Media Relations bedeutet? Marken finden sich in einer hochfragmentierten Medienlandschaft wieder, in der es gilt, für Marken Botschaften die Menschen mit dem passenden Publikum zu finden. Menschen und nicht Medien, Menschen mit persönlichen Anliegen, die in ihren Mediakanälen das Thema sind. Marken und Produkte nur mehr als Nebendarsteller. Wenn das keine Revolution ist!

Viktor Meyer-Schönberger über Big Data | 3 Variationen zum Thema!

Nach der Emotion, sorgte Victor Mayer-Schönberger für die Fakten, in einem perfekt designten Vortrag zu den Aspekten von Offenheit im Context Big Data.

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Foto von SandraGolz

These 1

Offenheit ist kein Wert an sich, sie ist ein Mittel zum Zweck. Regelmäßig fehlen uns wichtige Informationen, oder haben wir sie und nicht unser Gegenüber. Als Informationsaymmetrie oder Machtgefälle bezeichnet man das. Seit Jahren streben wir nach dem Ausgleich.

Offenheit ist das Credo der Generation Internet: Transparenz im Angebot, Bewertungen etc. Offenheit erhöht Effizienz, ist aber kein Wert an sich. Die Frage lautet also: wofür Offenheit?

These 2

Offenheit als Innovationsstruktur: Innovation lässt sich nicht verordnen. Unternehmen können nur das Umfeld dafür schaffen. U.a. ist der richtige Mix von Menschen ein Erfolgsfaktor. Eine mögliche Methode sind Netzwerkdiagramme, die Netzwerke im Unternehmen erfassen. Ergebnis: es gibt 2 Typen von Menschen. Die einen sind innerhalb der Abteilung gut vernetzt („James“), die anderen unternehmensübergreifend („Robert“). James pocht auf Regeln und deren Einhaltung, Robert will ausprobieren, Grenzen sprengen, Neues ausprobieren. Robert und James hassen sich per Definition. Roberts sind meist angesehener und werden besser bezahlt, sind auch glücklicher. Dabei kommt es darauf an, strukturelle Informationslücken zu schließen, weniger auf die Anzahl der Kontakte. Organisationen mit einem hohen Anteil an Roberts sind agiler und innovativer.

These 3

Offenheit, die Innovation eröffnet ist also menschlich. Ist sie auch informationsgetrieben?

Sir Carl Popper hat das Prinzip des Fehlermachens und damit des schrittweisen Lernens zur Ideologie des schrittweisen Lernens gemacht. Geht das auch anders? Ja, sagt Viktor Mayer-Schönberger.

Ist die Antwort Datenanalyse, wie etwa die Vorhersage einer Grippewelle auf Basis von Google Suchen? So einfach ist es nicht. Google hat dazu ein Modell entwickelt, das auf allen Grippesuchen basiert und Grippewellen sehr exakt vorhersagt.

Die Experten nennen das: die Daten sprechen lassen. Bsp. Apple Pie ist der meistgekaufte Kuchen in US. Die Frage nach dem meist gekauften Kuchen bringt aber ein falsches Ergebnis: fragt man nach dem Lieblingskuchen, ist es Kirschkuchen! Die richtigen Fragen stellen war bisher die Kompetenz der Menschen, heute kommen sie aus der Datenanalyse. Das erfordert neue Offenheit. Induktion.

Müssen wir verstehen, warum etwas ist wie es ist? Diese Annahme ist unscharf. Wir wissen viel weniger oft, warum die Dinge sind wie sie sind. Bsp. Frühgeborenen Forschung in Toronto: Datenmuster ergeben einen Indikator 24 Stunden, bevor die Symptome einer Infektion auftreten. Die Forscher wissen nur WAS da passiert und nicht WARUM. Aber das ist gut genug und rettet Leben, weil die Frühgeborenen rechtzeitig behandelt werden können. Es reicht also aus, den Faktor „WAS“ zu wissen.

Es braucht die Offenheit zu akzeptieren, dass wir die Welt immer besser verstehen werden. Aber nie komplett. Das wird jenen leichter fallen, die sich selbst weniger wichtig nehmen. Aus Daten ganz pragmatisch eine bessere Welt zu bauen, dafür plädiert Viktor Mayer-Schönberger. Danke für einen großen Vortrag!!

Die brandeins Konferenz zeichnet sich auch dadurch aus, dass genügend Zeit ist, das Gehörte zu verdauen und zu besprechen. So folgte eine charmante Mittagspause, wie schon letztes Jahr sehr familiär an großen Tischen, aus gemeinsamen Schüsseln.

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PANEL 2 | Offen entwickeln

Gesche Joost machte den Auftakt: sie gewährte Einblicke in Maker Spaces, sogenannte Fab Labs, in denen angesichts der offenen Labore und Teams Innovationen entstehen. Fablab Kultur bedeutet, in kleinem Raum mit schmalen Mitteln eine gesamte Produktionsstätte aufzustellen.

Da entstehen Innovationen wie LomHand, Twittern für taubblinde Menschen, Wearables aus leitendem Garn – Smart Texitles. Gestickte Lautsprecher integriert in eine Kapuze.

Das größte Anliegen für Gesche Joost ist die Offenheit der Forschung für die Wirtschaft. Schließlich will die Forschung finanziert sein. Sie ortet da in Europa und insbesondere in Deutschland eine übertrieben Sensibilität. Basis für eine transparente Zusammenarbeit könnte eine „FabLab Charta“ sein, ein Code zur Zusammenarbeit.

Tarek Müller, Gründergeschichte 2.0 mit Happy End!

Tarek Müller ist in der Online-Shop-Szene eine Größe. Schon mit 15 gründete er sein erstes Unternehmen, um Websites, Foren und Hunde Communities rentabel zu betreiben. Seine ersten Online-Shops boten Wasserpfeifen und Poker Equipment, Nischen die für amazon zu klein, aber zum Leben attraktiv genug sind. In dieser Zeit hat der sympathische Tarek Müller seine Erfahrung mit Logistik gemacht. Ganz persönlich. Er schätzt, dass er rund 10.000 Pakete selbst verpackt hat.

Immer größer wurden die Volumina in Ein- und Verkauf und so standen am Ende Schulden und ein (Not)Verkauf. Eine große Herausforderung für einen 18- Jährigen, die jedoch wahrscheinlich die Basis für seinen Erfolg heute bildet. In der Zeit nach der Pleite nutzte er zahlreiche Praktika als Akquise, wie er es nennt. Für Projektaufträge, die er schließlich in einer eigenen Agentur „netimpact“ abwickelte.

Heute führt Tarek Müller die erfolgreiche E-Commerce Fashion Plattform www.aboutyou.com für die Otto Group. Mit nicht weniger als 230 MitarbeiterInnen nach einem Jahr. Die größte Herausforderung ist es, das Wachstum zu bewältigen. Und dabei DNA und Unternehmenskultur zu erhalten. Doch was macht about you so erfolgreich?

Tarek Müller hat sich 2er Erfolgsmodelle bedient und diese erfolgreich zusammengeführt: die Individualisierung der Plattform für jedeN UserIn. So wie Facebook, sieht aboutyou für jedeN UserIn anders aus. Im persönlichen „all about Sabine“ Stream bekomme ich Mode für meinen Geschmack, im Context meiner FreundInnen präsentiert. Ja und Teil dieses Angebots sind mittlerweile 20 Applikationen, die von der Community im about you Developer Center entwickelt wurden. Offenheit für Innovation, die so ganz nebenbei die größten Talente für die Entwicklung anzieht. Anleihe genommen hat Tarek Müller da von Apple oder eher Android, wo die Community mit der Entwicklung der Applikationen eine zentrale Rolle im Geschäftsmodell übernimmt.

Spannende Ergänzung: so exzellent Tarek Müller die Community bespielt, so sehr braucht er im Backend seines Geschäftsmodells das Zusammenspiel mit der jahrzehntelang ausgeklügelten Logistik von Otto. Die Innovierung passiert also im Frontend des Geschäftsmodells, mit verlässlichen Prozessen des industriellen Zeitalters im Hintergrund. Noch. Roboter und Dronen stehen in den Startlöchern ;-)

Auch in einer Symbiose mit der traditionellen Industrie entwickeln Jörg Land und sein Team das Geschäftsmodell rund um Tinnitracks. Musik gegen Tinnitus. Offen entwickelt, u.a. mit der etablierten Firma Sennheiser. Auch Sennheiser öffnet sich damit für Innovation, am Rande des eigenen Geschäftsmodells und entwickelt damit so ganz nebenbei die Software Kompetenz.

Innovation in der DNA

Christian Langer von Gore (Tex) gab in Folge Einblicke in die DNA der Gore Kultur, die sich seit jeher der Innovation verschrieben hat. Ganz ohne Community, oder mit der internen Community, könnte man sagen. Offene Türen beim CEO und keine Titel. Eine offene Organisationsform also ist das Rezept für Innovation, die in Tools und Prozessen zu ihrem Output findet. Geöffnet für Lead Users.

Ist offene Entwicklung also überschätzt? Christian Langer meint so oder so gehe es um die „diversity of thought“. Herausforderung sei die interne Kommunikation, womit wir beim Thema neuer Kollaborationsformen sind, egal ob im Innen oder im Außen.

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Panel 3 | Offen organisieren

Amel Karboul gab tiefe Einblicke, was es bedeutet, als in Deutschland lebende Tunesierin das StartUp Democracy Team im tunesischen Frühling anzuführen. Eine Herausforderung für Tunesier, aber auch für die westliche Politik. So musste sie nicht nur einmal nachweisen, Teil einer Delegation zu sein, die zB mit Angela Merkel spricht und nicht optischer Aufputz, der vor der Tür warten muss.

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Foto von JuergenAlker

Ganz anderen Mut bewies Albert Schmitt, der vom Kontrabassisten zum Orchester-Manager wurde und die Bremer Kammerphilharmonie vor der Pleite rettete. In seinem Interview gibt er uns Einblicke in seine Arbeit an der Gesamtschule Bremen-Ost, die sich mittlerweile zu einer Kulturschule, mitten im Problemstadtteil entwickelt hat.

Albert Schmitt schafft es, Menschen mit klassischer Musik voran zu bringen. Das gelingt im wesentlichen durch den Aspekt „Alltag“. Im Grunde ist es zweitrangig was man mit den Kindern tut, so Schmitt. Wirkungsvoll wird es, wenn ihr es morgen wieder tut, und nächsten Monat und nächstem Jahr. Erfahrungen zu schaffen die nicht gebrochen werden, darauf kommt es an. 

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Die Konferenz klingt mit einem Konzert der und der Bremer Philharmonie gemeinsam mit den Bremer Schülern aus. Sie singen die „Melodie des Lebens“ und wir singen alle mit. Fantastisch! Nie war mehr Anfang als Jetzt!