#republica15: Die digitale Zukunft Europas?

Sabine Hoffmann kommt mit einer Frage zurück von der re:publica 2015, dem oft zitierten „größten Treffen der digitalen Gesellschaft in Europa“: Zu viel aktionistisches „Hier und Jetzt“ und zu wenig ernsthafte Auseinandersetzung mit der Zukunft?

Sabine Hoffmann auf der rp15

Die re:publica ist bunt und rebellisch, in Programm und Publikum. Was mir fehlt, ist ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit den Themen der Zukunft im Kontext der Digitalen Revolution . Nur an vereinzelten Stellen blitzen die Themen und auch ernstgemeinte Präsentationen auf – sofern man noch einen Steh(!)platz findet.

Ich sehe die Rolle der re:publica vielmehr als ein Aufeinandertreffen der Digitalen Macher , der Blogger und YouTuber mit den traditionelleren Medien Machern, zu denen ich auch schon Facebook zählen würde. Um hier in Diskurs zu gehen, der wichtig und richtig ist.

Die digitalen Medien sind aber schon längst viel mehr als Medien und für die vielen Themen drum herum erlebe ich andere Konferenzen und Zusammenkünfte als wichtige Ergänzung. Hier möchte ich ein paar Eindrücke teilen, die für mich den Weg in das Digitale Zeitalter aufzeigen.

Politik im Netz

So die durchaus erfolgreiche Aktion #ziek (die Abkürzung für “Zusammen ist es Klimaschutz” ) der deutschen Umweltministerin Barbara Hendriks . Leitmedium der Kampagne war „das Internet“, um in weiterer Folge in Print (Spiegel, Bild etc.) und TV aufgegriffen zu werden. Die Kampagne ist dank starker Kreatividee ( Webspot zum Thema Elternsex ) mit 3,5 Mio Views auf YouTube (exponentieller Anstieg von 85k auf 1,5 Mio) viral gegangen. Was die Hoffnung für eine neue Welt leben lässt, ist die Tatsache, dass die Ministerin lediglich das Drehbuch zu den Spots gelesen (Blut auf den Fensterscheiben war ihr dann doch zu viel), den Rest ihren Umsetzungspartnern anvertraut hat. Die offensichtlich den Nerv der Zielgruppe getroffen haben.

Im Interview blitzt aber umgekehrt heraus, dass die „Zusammenarbeit“ mit den Bloggern nicht langfristig angelegt ist: so wurde als Learning lediglich die Besteuerung der Mandelmilch angepackt – vorerst ohne Ergebnis. Die Chance der Innovierung des eigenen Programms wird damit ausgelassen. Nicht unbeachtlich ist das Budget der viralen Kampagne: mit € 2,5 – 3 Mio. € plus 600k Media Budget (OOH und Online Banner, viral Seeding (u.a. PreRoll/ YouTube) kostete jeder Kontakt immerhin einen Euro, der war dafür aktiv! Was einmal mehr beweist, dass auch virale Kampagnen Geld kosten, jedenfalls in der Content Creation.

Aktion #ziek

Alte versus Neue Medien: Formate versus Stories

Dauerbrenner war auch das Thema alte versus neue Medien was Formate angeht. Dazu spannend die Diskussion von Max Hoppenstedt , VICE Germany/ Motherboard und Juliane Leopold , BuzzFeed. Gemein ist den neuen Medienmachern, dass sie in Content und Stories denken und danach entsprechend das Format wählen. Inwiefern haben sich Zielgruppen verändert? Juliane Leopold führt den andersartigen Konsum der Medien an: Bilder, Videos mit und ohne Ton, die mobile Revolution! Hat hier viel verändert! Geseedet wird der Content dort, wo die Zielgruppe ist, also auch in YouTube, nicht nur auf der eigenen Plattform!

Max Hoppenstedt verstärkt: Old und new media gibt es nicht. Es geht vielmehr um neue Erzählweisen. Und nicht länger nur um Entertainment. Auch politische Themen (Utopie/Distopie) sind für die Generation NOW interessant. Sein Motto: Zielgruppen ernst nehmen und mit Werkzeugen produzieren, die zur Zielgruppe passen.

Die Macht der vernetzten Vielen

Mein klares Highlight war der Vortrag von Prof. Pörksen (Uni Thübingen ), der sich dem Thema „Die Macht der vernetzten Vielen“ widmete. Der 5. Gewalt, die als Medienkritisches Korrektiv unsere Medienwelt mitgestaltet. Aber auch dem neuen Wirkungsnetz das sich in einer diffusen Form der Macht äußert, über die wir niemals eine öffentliche Debatte geführt haben.

Welche Rolle können und dürfen die vernetzten Vielen in unserer Gesellschaft übernehmen? Das war eine der zentralen Fragen im Vortrag von Prof. Pörksen. Die vernetzten Vielen sind gut organisierte Protestgemeinschaft mit einem riesigen inhaltlichen Spektrum. Agenda Setter , die neue Themen setzen. Das Publikum ist aktiv geworden und agiert als Meinungskorrektiv . Manchmal aber auch als Entlarvungs- und Fahndungsgemeinschaft wie im Fall Gutenberg.

Wie funktioniert das Organisationsprinzip für die vernetzten Vielen? Verknüpfungsmodalitäten der alten Welt haben jedenfalls keine Berechtigung mehr: als Extrembeispiel sei die Sekte genannt, sternförmig rund um den Meister/Guru aufgebaut, mit hoher Interaktionsdichte , Individualität unerwünscht . Oder das Kollektiv , zB Parteien und Unternehmen , die sich an einem gemeinsamen Ziel orientieren, verbunden durch ein Programm, eine Idee, eine Marke. Mit klaren Innen und Außengrenzen und Momenten der Individualität. Das Organisationsmuster der 5. Gewalt, das Konnektiv , ist eine neuartige Formation aus Gemeinschaft und Individualität, aus Offenheit und Kompaktheit, eine Organisation ohne Organisation . Als Bsp. dient hier etwa die Bewegung #aufschrei, die eine Sexismusdebatte in mehr als 60.000 Tweets formte. Nicht hierarchisch, nicht strategisch steuerbar, nicht kontrollierbar. Das Konnektiv ist eine Kombination aus ICH und WIR. In der Gleichzeitigkeit. Sascha Lobo hat das das so schön formuliert: Teil der Welle sein und als einzelnes Teilchen glänzen.

Das Wirkungsmuster der Macht hat komplett neue Dynamiken erfahren: Pörksen spricht von einem Wirkungsnetz. Es gibt nicht mehr den einen Übeltäter. Wir sind konfrontiert mit einer diffusen Form der Macht. Einem neuen Machtparadigma, das es dringend zu debattieren gilt.

Reed Hastings, netflix: Bravery means innovation, but can kill you as well!

Gegründet vor 18 Jahren, kann Reed Hastings als Unternehmer nach dem Sieg über Blockbuster („We won by being focused“), auf 60 Millionen netflix Subscribers stolz sein. Auf der republica blickte er als Unternehmer auf sein Werk und gab Insights in seinen Führungsstil: Führung ist für Reed Hastings Menschlichkeit und Beurteilungsvermögen. Sein Unternehmen führt er wie ein professionelles Sportteam: die oberste Devise ist Performance.

Reed Hastings auf der rp15

Spannend auch, dass er seit 5 Jahren kein eigenes Büro besitzt, um zu den Menschen in seinem Unternehmen zu gehen und auch früher heimgehen zu können, wie er mit einem Augenzwinkern meinte, weil dann sein Büro nicht leer sei ;-)

Erstaunlich wenig visionär war sein Blick in die Zukunft, der sich rund um Fibre to the home und Interaktivität und Personalisierung drehte. Auch ein Unternehmen wie netflix, sollte nicht übersehen, sich der Innovierung am Edge zu stellen, so wie auch seinerzeit dem Streaming, also die DVD noch 80% der Umsätze ausmachte.