Experimentieren mit Rollen

Beim Thema Rollen scheiden sich in der Unternehmenswelt die Geister: Die einen fühlen sich in ihrer Individualität beschnitten, die anderen brauchen ein klar abgestecktes Spielfeld in dem sie agieren können. Sind Rollen noch zeitgemäß? Ich habe mir das Thema bei einem Seminar der beratergruppe neuwaldegg genauer angesehen.

Die einfache Frage „Was machst du eigentlich beruflich?“ ruft bei mir regelmäßig kleine Selbstkrisen hervor - und ich sehne mich kurzzeitig zur Generation meiner Großeltern zurück, als diese Frage noch einfach zu beantworten war: Schuster, Schneider, Bauer oder der örtliche Arzt.

Durch die komplexer werdenden Aufgaben in Unternehmen werden auch die Jobs differenzierter und dynamischer; längst ist da nicht mehr nur ein Aufgabenbereich zu erledigen. Man switched täglich mehrfach zwischen unzähligen Rollen hin und her oder schlimmer: Das Unternehmen arbeitet zwar agil, die Rollen bleiben aber die gleichen wie anno dazumal.

„Ich habe in meinem Unternehmen 17 Rollen“ – erklärt Barbara Buzanisch-Pöltl von der beratergruppe neuwaldegg im Seminar. Bei kurzem Nachzählen stelle ich erstaunt fest: Bei mir sind es auch 8.

Wie kann man mit dieser Vielfalt an Rollen einen Alltag bewältigen und den Fokus bewahren?

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Petra und Bine in ihren Rollen

Holacracy zum Beispiel gibt darauf eine bemerkenswerte Antwort: Rollen werden bewusst gemacht, in sogenannten „Governance Meetings“ ausgehandelt und anschließend gelebt. Dabei unterscheidet man in jeder Rolle nochmals unter Domäne (Arbeitsbereiche, in denen die Verantwortung ausschließlich bei mir liegt) und Accountabilities, also mein Arbeitsgebiet. Möchte ich eine Veränderung in meiner Domäne, oder in der eines anderen Mitarbeiters, trage ich meinen Antrag im Governance Meeting vor.

Hää? Klingt zunächst komplex - beim näheren Beschäftigen wurde mir aber klar: Das hat was! Nichts wird mehr „von oben“ bestimmt, alles wird im Team durchdiskutiert (Stichwort: Verteilung von Macht) – nach einem strikten Moderationsfaden und klaren Rollen. Im Übrigen folgt auch dieses Meeting einer ganz strikten Agenda.

Einmal mehr daher mein großes Learning: Agilität braucht klare Regeln, damit Freiraum überhaupt stattfinden kann.

Zum Schluss ein Tipp von mir (in der Rolle!) als Agile Business Coach: Um das tägliche In-mehrere-Rollen-Schlüpfen einfach zu erleben, erweist sich Improtheater als geniales Instrument. In einer Rolle auf der Bühne verändert sich von einem Moment auf die andere plötzlich die gesamte Situation, die Rolle muss angepasst werden.

Die leichte Übung für den Alltag, ganz ohne Improtheater: Jeden Tag schlüpfen wir mehrfach in verschiedene Rollen und passen unser Verhalten an unser Gegenüber an. Beobachten Sie sich selbst dabei - Sie werden sich Ihrer Selbst bewusster, schärfen Ihre Wahrnehmung und im Idealfall auch Ihre Wertschätzung für Ihre Rolle(n).

Gibt es in Ihrem Team auch Rollenunschärfen? Dann melden Sie sich bei bei uns!