#efa15 Part 2: Alex & Vivienne

Alex Mühlbacher war in zwei anderen Breakout Sessions des Europaform Alpbach unterwegs – um für ambuzzador möglichst viele Inputs abzuholen, teilten Sabine Hoffmann und Alex die Sessions auf. „Win-Win?! Die Symbiose von Großunternehmen und Startups“ hat den Nerv von Alpbach getroffen.

Die Teilnehmer (man munkelt von 160 Personen, die vor der Tür warteten) zogen in Zweierreihe ins Hallenbad auf die Waldbühne. Ja, wirklich:

Auch Installationen haben hier ihren Platz: Das Waldbad im Alpbacher Hallenbad

Wolfgang Anzengruber, CEO Verbund, öffnet sein Unternehmen im ersten Schritt mit einem Start-up Pitch . Der Einwurf aus dem Publikum, das die Zusammenarbeit mit Startups für Großunternehmen eine Auslagerung von Risiko auf Kleinunternehmer ist, erhält murmelnde Zustimmung im Auditorium. Für Anzengruber geht es im aktuellen Stadium vor allem um das Austesten, wo eine Öffnung des Unternehmens sinnvoll ist – es braucht schon noch eine klassische Organisationsstruktur und die Prozesse, alles auf einen Schlag zu erneuern gefährdet das Kerngeschäft.

Ein Start-up mit 42.000 MitarbeiterInnen

Christian Kern, CEO der ÖBB , hat dank seiner unbürokratischen Entscheidungen im Umgang mit Flüchtlingen nicht nur die Herzen in Alpbach auf seine Seite, sondern auch die Lacher: „Die ÖBB ist ein Start-up mit 42.000 Mitarbeitern, was Organisation und Struktur betrifft.“ Für ihn ist ein Umdenken wesentlicher Überlebensfaktor, da laut einer US-Studie 40% der Großunternehmen weltweit innerhalb der nächsten 10 Jahre verschwinden werden. Auch der Faktor Talent ist nicht zu unterschätzen: Die besten Mitarbeiter brauchen Ziele und Entfaltungsspielraum, das bieten Startups per Definition – hier können Großunternehmen noch lernen.

Ali Mahlodji, Chief Storyteller von whatchado , ist angetreten, um den Start-up-Mythos auch etwas zu entzaubern. 2012 gegründet, steigt mit jedem Mitarbeiter die Verantwortung : „Als wir den ersten Kollegen mit Kindern hatten, war mir schlecht. Plötzlich bist du mit deiner Idee für das Leben von Menschen verantwortlich,“ stellt Ali klar, dass hinter dem coolen Jobtitel harte, disziplinierte Arbeit steckt. Wofür ich Ali sehr schätze, hat er in der Waldbühne ausgesprochen: Anders als CEOs von Großunternehmen durchlaufen Startup-Gründer ja in den seltensten Fällen einen klassischen Management-Karriereweg, sondern eignen sich die notwendigen Fähigkeiten im Schnelldurchlauf und DIY-Manier selbst an – während sie ihr Kerngeschäft am Laufen halten.

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Eine gelungene Partnerschaft zwischen Startups und Großunternehmen zeigen SAP und Celonis in der Praxis: Celonis-Gründer Alexander Rinke vertreibt seine Lösung, eine Software, um ineffiziente Prozesse zu eruieren, via SAP an Großunternehmen. Ein Win-Win-Win quasi: Celonis erweitert den Vertrieb, SAP das Portolio und der Kunde hat die Sicherheit eines großen Partners. Dass in der Zusammenarbeit von Startups und großen Unternehmen oft Welten aufeinanderprallen, erzählt Rinke mit einem plastischen Beispiel: „Bei einem unserer ersten Kunden waren wir in den Vertragsverhandlungen im Finale, da kam die Info: Müssen wir noch mit dem Betriebsrat klären. Wir haben uns gedacht: Naja, das kann ja nicht so lange dauern. – Die Info, dass sie sich in etwa einem halben Jahr melden, war hart. Ich wusste ja nicht mal, ob es uns in einem halben Jahr noch gibt.“

Den Nachmittag verbrachte ich mit dem Thema „Bessere Entscheidungen durch Partizipation“, zu dem Susanna Achleitner (Erstes Bank), Ulrike Huemer (Stadt Wien), Hannes Leo (cbased), Ernst Petri (OMV), Bernd Gottinger (SGS) und Alexander Kaiser (WU Wien) spannende Einblicke in ihre Methoden und Erfolge zeigten.

Wien: 1,8 Mio Gehirne nutzen

Ulrike Huemer setzte als CIO für die Stadt Wien in einem partizipativen Prozess die Digitale Agenda auf – Stichwort „1,8 Millionen Gehirne nutzen“. Um die 500 registrierte Personen formulierten im ersten Schritt 172 Ideen , die in 5 Arbeitsgruppen weiterverwertet wurden. Auch zu den Arbeitsgruppen wurden die registrierten User eingeladen und überraschten mit hohem Rücklauf – ein Beweis, dass die Offline-Beteiligung, wenn auch aufwändiger als ein Klick auf einer Website, sehr hoch ist, wenn Menschen richtig involviert werden. Für Huemer sind die Erfolgsfaktoren:

  • Neue Methoden und Tools nutzen.
  • Auf Kommentare antworten und sich als Initiator vom Start weg in das Gespräch involvieren.
  • Rückmeldung geben, auch und besonders bei Nicht-Umsetzung einer Idee.
  • Immer digitale und analoge Wege zur Partizipation bieten, um niemanden auszuschlileßen.

Susanna Achleitner und Ernst Petri beleuchteten partizipative Prozesse zur Vision- und Kulturentwicklung innerhalb von Unternehmen. Bei beiden kristallisieren sich Gemeinsamkeiten heraus:

  • Partizipation ist als Kultur zu sehen, nicht als Prozess, den man aus dem Hut zaubert, wenn man selbst nicht mehr weiter weiß.
  • Partizipation hebelt nicht die Verantwortung von Rolle und Führung aus – im Gegenzug kann die Verantwortung auch nicht abgeschoben werden.
  • Die Erwartung an das Ergebnis realistisch halten: Ein Partizipationsprozess garantiert nicht vollen Enthusiasmus für die getroffenen Entscheidungen, bringt aber die Beteiligten dazu, sie eher mitzutragen: „Partizipation schafft stabile Lösungen.“
  • „Crazy Ideas“ nicht unbedacht verwerfen, sondern eruieren: Welches Bedürfnis steckt dahinter. Vielleicht lässt sich dieses auch realistisch lösen. Und dann gibt es keine Verlierer in der Partizipation.

Thorkil Sonne

Eine Frage der Perspektive

Mein persönliches Highlight war aber ein Mann, von dem ich vorher noch nichts wusste: Thorkil Sonne eröffnete die Diskussion „Eine Frage der Perspektive – Lösungsansätze im Kampf gegen Ungleichheit“ . Er ist Gründer von Specialisterne , einer Organisation, die passende Arbeitsplätze für autistische Menschen vermittelt. Eine Charity also – beeindruckend ist jedoch der Ansatz, den Sonne gewählt hat: Er präsentiert sein Angebot in einem Business Case und rechnet vor, was die Integration von Autisten in den Arbeitsmarkt für die Wirtschaft eines Landes bedeutet. Auch Christian Kern ist beeindruckt und sagt einen Gesprächstermin zu. Ein Schritt näher zu Sonnes Ziel, bis 2025 1 Million Jobs für autistische Menschen zu schaffen.

Den Abschluss meiner Alpbach-Premiere machten Vivienne Westwood mit Ehemann Andreas Kronthaler im Gespräch mit Clarissa Stadler zum Thema „InEquality as Elixir of Life“ . An dem Abend wird mir klar, was mir in Alpbach noch fehlt: Rockstars . Das Publikum wirkt gerade bei dieser Veranstaltung gehörig durchmischt – und kein anderer Speaker wurde um Autogramme und Selfies gebeten. Und bevor mir jemand Oberflächlichkeit und Populismus vorwirft: Auch inhaltlich würde eine Vivienne Westwood die höflichen Diskussionen am Podium gehörig aufmischen und den Diskurs fördern. Deshalb also: Russell Brand für #efa16 – dann bin ich auch wieder dabei ;)