Digitale Transformation in Alpbach #efa15 angekommen

Das Europäische Forum Alpbach widmete sich im Sommer 2015 der UnGleichheit. Der Diskurs darüber pendelte zwischen Missstand, der Chancen und Ressourcen reduziert, und Antrieb für Wandel und Vielfalt. Für das ambuzzador Team waren Sabine Hoffmann und Alex Mühlbacher vor Ort, um erfreut festzustellen, dass die Digitale Transformation als DER Treiber der Stunde bei den Meinungsführern dieses Landes angekommen ist.

Traditionellerweise wurden die Wirtschaftsgespräche in dem im Umbau befindlichen Congress Centrum Alpbach eröffnet: mit einer emotionalen, systemischen Performance, das die UnGleichheiten auf dieser Welt anhand des Weltdorfs erlebbar machte. Unkonventionell, emotional, ein Statement im Kontext der aktuellen Flüchtlingssituation.

Abgerundet von einer wenig inspirierenden „Performance“ von Rudi Kaske (AK) und Christoph Leitl (WKO), eine Demonstration der offensichtlich nicht mehr funktionierenden Sozialpartnerschaft. Ein Blick in die digitalen Communities hätte auch der Ladies Lounge von Frau in der Wirtschaft gut getan. Während sich in sozialen Medien neue Frauennetzwerke wie zum Beispiel die Sorority organisieren, war am Podium der Blick zurück auf vergangene Erfolge angesagt. Ein Lichtblick hier Edeltraud Hanappi-Egger, die als zukünftige Rektorin der WU Wien unsere Wirtschaft maßgeblich mitgestalten wird.

Traditionell starten die Breakout Sessions am 2. Vormittag um 11:00 in der Hauptschule Alpbach, einer Versinnbildlichung der Polarität von Gesprächen zur Zukunft in einem mehr als traditionellen Umfeld: frontale Schulklassensituation.

Sabine Hoffmann war aktiv als Teilnehmerin am Panel 09: Leading Organisations – What next? Unterstützt vom Hernstein Institut für Management und Leadership. Gemeinsam mit Dominique DÖTTLING, Transformation Leader und Director, Global Talent & Development Europe der Opel Group GmbH, Stefan GROSS, Chief Financial Officer, T-Mobile Austria und Sabine Theresia KÖSZEGI, Professor for Labour Science and Organisation der TU Wien.

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Mit folgenden 3 Thesen habe ich das Panel eröffnet:

Die große Challenge der 2 Geschwindigkeiten: Optimierung und Innovation, Management und Leadership

Unternehmen und damit Ihre Führungskräfte stehen vor der Herausforderung, sich parallel zum gewohnten Prozess der Optimierung (aus den vorhanden Ressourcen das Maximum heraus zu holen) für Innovierung in Echtzeit zu öffnen . An jedem einzelnen Touchpoint in der Interaktion mit dem Außen. Mit Kunden, Meinungsbildnern, Experten, Stakeholders. In einem agilen Umfeld, in dem Entscheidungen laufend getroffen werden müssen, um sich den Veränderungen im Ökosystem zu stellen, oder aber besser noch, davon zu profitieren. Der Standort Europa hat bis dato den Anschluss völlig verpasst, denn alle wesentlichen Entwicklungen der Digitalen Revolution kommen aus den USA. Umso mehr sind die Leader dieses Landes aufgerufen, ihre Teams und Strukturen fit zu machen für das neue Zeitalter. Heute und jetzt. Schritt für Schritt.

Traditionelle Mechanismen (Optimierung) parallel zu Innovation, als Miteinander und jedenfalls nicht als Gegeneinander.

Klare Strukturen als Basis für Agilität

Struktur ist die Basis für die Agilität, die es braucht, denn nur in klaren Strukturen kann der/die Einzelne Leadership für seine/ihre Rolle übernehmen. Das war meine wesentlichste Erkenntnis im Rahmen einer Ausbildung zum Holacracy Practitioner in Amsterdam: mit klarem Auftrag (dem eine Vision zugrunde liegt) und konsequenter Einhaltung von Prozessen kann sich die Kraft des Einzelnen auch und insbesondere in großen Organisationen entfalten.

So entstehen organische, adaptive Strukturen, die Innovierung jeden Tag garantieren , in einem selbstlernenden System, ohne Anweisungen von oben. Die Entlastung der Führungskräfte, die Umverteilung der Verantwortung auf jedeN EinzelneN und maximale Innovationskraft sind das Ergebnis. Als Basis für das Überleben oder die Anpassung an ein agiles Umfeld.

Was das im ersten Schritt bedeutet? Die Abgabe der gewohnten Macht und Kontrolle und die Disziplin, in die Führung zu gehen : mit klaren Visionen und Zielen. Raus aus dem Alltagsgeschäft also für Executives und an die Stellhebel der Organisation.

Leadership: Speaking Digital Future

Im Wesentlichen geht es heute darum, den digitalen Begriffsdschungel , der zwischen Führungsteams und Digitalen Experten steht, in einem klaren Zukunftsbild für das eigene Geschäftsmodell aufzulösen.

Um das zu ermöglichen, habe ich eine Bewegung initiiert, die mir sehr am Herzen liegt: Der „ Executive (Digital) Future Circle “, bietet Plattform und Bühne für Executives und Meinungsbildner , die Österreich (und in Folge die DACH Region) im jeweils eigenen Einflussbereich für die Zukunft schon heute fit machen . Die zentrale Mission des Executive Digital Future Circle ist es, Leaders in die Position zu bringen, mit relevanten Fragen in Zukunftsgespräche zu gehen , um Digitale Prinzipien in das eigene Geschäftsmodell nachhaltig und sicher zu integrieren . Damit die aktuellen Herausforderungen in der Führung von Unternehmen agiler gelöst werden.

Sabine Theresia Köszegi ergänzte meine Positionen mit einer Skizze zur „New world of work“: Geht es nach Köszegi, so werden wir das Bild vom idealen Mitarbeiter dekonstruieren müssen. Bemessen wir das heute noch nach Anwesenheit und Input/Output, wird es künftig um den Impact gehen, den einE MitarbeiterIN mit seinen/ihren Aktivitäten generiert. Gefragt sind also Kompetenzen wie Selbstorganisation, Networking, Selbstverantwortung, analytische Kompetenz (was ist relevant?) und last but not least Sozialkompetenz. Privat und Beruf sind und werden immer weniger trennbar sein, das eine sei bezahlt, das andere eben nicht. Umso weniger nachvollziehbar, so Köszegi, dass der Beruf immer schon ins Private eingreifen darf, aber nicht umgekehrt, wie das Beispiel von möglichen Lücken in der Kinderbetreuung zeigt.

Köszegi geht davon aus, dass MitarbeiterInnen wie UnternehmerInnen agieren werden, was auch eine nachhaltige Veränderung in Governance und Steuerung mit sich bringt: das Risiko der Gewinnabschöpfung trägt der/ die UnternehmerIN dann nicht mehr alleine, also braucht es eine neue Legitimation oder Aufteilung zur Gewinn Abschöpfung, was übrigens auch das Thema im Abschlusspanel zum Thema Wachstum war. Doch dazu später mehr.

Stefan Gross fokussierte auf die Phänomene Virtualisierung (Bargeld, Schlüssel, SIM Karte..), die Trennung von Kapital und Information und die Incentivierung von Effizienz, dort wo Transformation Wertschöpfung bringt. Was das für Leadership bedeutet? Wir sind einem Druck zum Wandel ausgesetzt, als Unternehmen, aber auch persönlich. Die Ungleichheit, die dadurch entsteht, dass die Transformation an manchen Stellen schon gut, an manchen weniger gelingt, erzeugt Ungleichheit, die es in einem akzeptablen Range zu halten gilt. Für das Führen einer Organisationbedeutet das wiederum, die Wertschöpfungsgewinner in der Transformation sichtbar zu machen!

Dominique Döttling sprach über das Thema Transformation vor dem zugegeben komplexen Hintergrund von 120 Ländern und 10 Marken, die es bei General Motors zu führen gilt.

Spannend für mich war, dass Konzernstruktur (deren Sinnhaftigkeit Frau Döttling offen in Frage stellte) und Engeneering Excellence (als Voraussetzung für einen Produktionsbetrieb) in der Argumentation dafür herangezogen werden, dass es weiterhin „einen braucht, der den Kopf hinhält“. Ich assoziiere da John Hagel mit seiner Vision des „Scalable Learnings“ , auch am Fließband und die Übernahme des Leaderships für die eigene Rolle im Holacracy Modell .

Die Thesen und Fragen, die dann im Rahmen des World Cafés gemeinsam mit den Teilnehmern unseres Panels entstanden sind, geben Hoffnung auf eine transformierte Zukunft, denn der Start ist immer im Kopf J

  • Können große Organisationen agil sein? Oder braucht es eine Trennung in strukturierte Bereiche und kreative Bereiche? Input dazu: Agilität setzt Struktur unbedingt voraus.
  • Sinnerfülltes Arbeiten tut allen Menschen gut.
    • Leadership = Transformation
    • Management = Transaktion
  • Digitalisierung bedeutet Individualisierung: Der Mensch gewinnt an Bedeutung!
  • Es braucht neue Rollenbilder für Führungskräfte
  • Menschen haben Sehnsucht nach Verwirklichung und sinnvollen Arbeitsplätzen
  • Es geht um die Aufgaben und nicht mehr um die Arbeitszeit
  • Transformation löst Konflikte aus, die es aus zu verhandeln gilt, um gemeinsam den next Level zu erreichen!

Meine 3 Take-aways aus dem Panel Leadership:

  • Agil ist kein Widerspruch zu Hierarchie und Struktur. Im Gegenteil: Agilität setzt Konsequenz im Leadership voraus, die sich in klaren Strukturen und Verantwortlichkeiten äußert.
  • Hell yeah, lasst uns endlich dem was wir tun einen Sinn geben. Als ambuzzador haben wir das für uns folgendermaßen definiert: ambuzzador macht es möglich, dass Menschen ihr Potenzial als Individuen im Kommunikativen Kosmos einbringen können.
  • Als mögliches Rollenbild für die Führung, sehe ich jedenfalls ein organisches Modell
    • Ziele vereinbaren und nicht länger vorgeben
    • Menschen in ihrer Rolle spüren und gestalten lassen
    • Akzeptieren, dass das Ziel, nicht aber das Ergebnis vorab schon absehbar ist

Den Nachmittag in der Alpbacher Hauptschule widmete ich dem Thema „ Neue Technologien – alte Ungleichheiten “. U.a. mit Staatssekretär Harald Mahrer, powered by Microsoft.

Kurz möchte ich die Positionen abstecken , die hier eingeschlagen wurden:

  • Valerie Höllinger (CEO bfi) sieht den klaren Need einer Gleichberechtigung in der Ausbildung: lesen, schreiben, digital!
  • Harald Mahrer schätzte sich glücklich in diesen Zeiten zu leben, einem Umbruch der Sonderklasse. Das Digitale ist für Mahrer der Treiber der Disruption, die er in allen Lebensbereichen sieht. Vor allem aber als Chance zur Innovation für Österreich, das heute schon 60% der Bruttowertschöpfung im Export generiert.
  • Johannes Kopf (AMS) stellte stellvertretend für Unternehmen und seine Klienten die Frage: Welche Qualifikationen brauchen wir morgen? Diese Frage, gelte es zu beantworten, damit Europa nicht das Venedig der Welt werde.
  • Richard Grasl (CFO, ORF) eröffnete damit, dass sich das Geschäftsmodell des ORF wohl fundamental ändern werde. Man sei dabei, sich enger mit Start-ups zusammenzutun um neben der TVThek innovative Modelle zu entwickeln.
  • Peter Hermann von Microsoft plädierte für eine zeitgemäße Basis Ausstattung aller Unternehmen im Bereich Mobilität, Cloud, Big Data und Social Media.

Mit welchem Resultat ich aus dem Panel gegangen bin? Dass wir uns alle einig sind, dass die Transformation schon da ist. Dass wir infrastrukturell (Stichwort: Breitband auch am Land) und vor allem in der Bildung noch nicht dafür aufgestellt sind. Und dass die Aufgabe so groß ist, dass wir sie nicht den Politikern alleine überlassen dürfen!

ambuzzador Chefredakteurin Alexandra Mühlbacher bringt im zweiten Teil unserer Berichterstattung ihre Einblicke ins Europaforum Alpbach. Stay tuned!