Killen Social Communities die Meinungsvielfalt? Nein, sagt eine Studie des Facebook Data Teams. Zu verdanken ist das der Stärke von schwachen Bindungen.

Seit Social Networks für immer mehr Menschen zum Alltag gehören, steigt auch das Interesse an der Netzwerkforschung. Wie funktionieren soziale Netzwerke – online wie offline? Welche Auswirkungen haben sie auf uns, unsere Einstellungen, unsere Gesellschaft und Wirtschaft? Fragen wie diese gewinnen mit dem Siegeszug von Social Communities zunehmend an Bedeutung.
Im Zuge dieser Debatte lassen sich zwei sehr unterschiedliche Standpunkte herausdestillieren. Manche meinen, die bessere Vernetzung führe zu mehr Offenheit, wodurch sich Innovationen und neue Ideen leichter und schneller verbreiten können. Andere befürchten hingegen, dass Facebook und Co. vielmehr „Echokammern“ schaffen würden, in denen sich jeweils bloß Menschen versammeln, die einander ohnehin sehr ähnlich sind. Statt zur Verbreitung von Innovationen führe das zu mehr Konformität, kollektivem Schulterklopfen oder gar einer Radikalisierung innerhalb der einzelnen Cluster.
Diese Befürchtungen werden von einer Studie, die das Facebook Data Team in seinem Blog präsentiert hat, nun zerstreut. Doch alles von Anfang an.
Homophilie und starke Glieder
Gleich und Gleich gesellt sich gern – diese Binsenweisheit gilt für jeden von uns. Wie sozialpsychologische Untersuchungen schon lange belegen, ist Ähnlichkeit einer der wichtigsten Faktoren, ob wir jemanden sympathisch finden oder nicht. Menschen mit ähnlichen Meinungen, Vorlieben oder Charaktereigenschaften sind uns generell sympathischer. Kein Wunder also, dass in Social Communities rasch Cluster aus Menschen mit ähnlichen Einstellungen, ähnlichen Jobs und ähnlichen Vorlieben entstehen.
„Zu den robustesten Befunden in sozialen Netzwerken zählt die Homophilie, also die Tendenz, dass sich Individuen mit ähnlicher Charakteristik miteinander verbinden“, so Studienautor Eytan Bakshy vom Facebook Data Team. Es ist die Homophilie, die starke Beziehungen ausmacht.
Dies zeigt sich auch in der Studie von Bakshy und Kollegen: Je enger die Beziehung zu einem Facebook-Freund ist, desto größer ist auch die Bereitschaft, einen Post im Newsfeed zu teilen. Für sich genommen spricht das stark für die These, dass Social Communities tatsächlich bloß Echokammern von Schulterklopfern wären, in denen Innovationen bloß kaum zirkulieren können. Doch es gibt auch noch einen anderen Einflussfaktor – und der ist sogar mächtiger.
Die Stärke der schwachen Beziehungen
1973 veröffentlichte der Soziologe Mark Granovetter eine erstaunliche Entdeckung: Wenn es Menschen gelingt, über Beziehungen zu einem neuen Job zu kommen, passiert dies meistens nicht über enge Freunde, sondern durch schwache Beziehungen im erweiterten Bekanntenkreis. Granovetter nannte dieses Phänomen „The Strength of Weak Ties“, also die „Stärke von schwachen Beziehungen“. Demnach sind es die schwachen Bindungen, die den Informationsfluss aus unterschiedlichen Gruppen von Menschen erleichtern. Zum einen, weil unter den schwachen Beziehungen mehr Diversität vorherrscht. Zum anderen, weil es naturgemäß einfach mehr davon gibt.
Das Facebook Data Team veranschaulicht dies mit einem simplen Rechenbeispiel: Angenommen, ein Facebook-User hat 10 enge Freunde und 100 Bekannte. Da er am Content seiner engen Freunde mehr interessiert ist, teilt er jeden zweiten Post eines engen Kontakts. Von seinen Facebook-Bekannten teilt er bloß 15 Prozent ihres Contents. Das Ergebnis ist eindeutig: Mit 15 geteilten Posts (100*0.15) teilt er wesentlich mehr Content von schwachen Beziehungen als von engen Freunden (10*0.50 = 5).
Dieses Phänomen zeigte sich auch im Praxistest der Facebook-Studie: Über schwache Bindungen verbreiten sich neue Informationen (wie etwa einen spannenden Link), die andere Menschen sonst nicht sehen würden. Das ist durchaus verständlich: Content, von dem man annimmt, dass ihn die meisten Freunde bereits kennen, braucht man auch nicht mehr zu teilen.
„Zusammengefasst haben schwache Beziehungen das größte Potenzial, Freunde neuen Informationen auszusetzen, die sie sonst nicht entdeckt hätten“, resümiert Eytan Bakshy. Die Informationsdiversität ist in Social Communities dadurch höher als vielfach angenommen.

Fazit: Diversität trotz Homophilie
Sind Social Communities nun bloß Echokammern des Schulterklopfens oder der Nährboden, der neuen Ideen, Moden und Innovationen zum Durchbruch verhilft? Nun, fairerweise haben beide Standpunkte ihre Berechtigung. Zwar zieht sich das Phänomen der Homophilie tatsächlich wie ein roter Faden durch Social Networks. Allerdings schaffen es – dank der Stärke von schwachen Beziehungen – weit mehr neue Informationen in die Newsfeeds der User, als man intuitiv annehmen würde. Insgesamt sehen und verbreiten wir mehr Informationen von schwachen als von starken Bindungen.
Somit demonstriert die Untersuchung, so Eytan Bakshy, „dass Social Networks ein mächtiges Medium sein können, neue Ideen zu teilen, neue Produkte hervorzuheben und laufende Events zu diskutieren.“ Vorausgesetzt natürlich, der Content stimmt.
Quellen:
http://www.scribd.com
https://www.facebook.com (inklusive Screenshots)