Wann entsteht sozialer Einfluss in Online-Netzwerken? Dieser Frage ist eine soeben publizierte Studie anhand der Beliebtheit von Facebook-Applikationen auf den Grund gegangen. Das Ergebnis: Der Einfluss hängt von der Popularität ab – und die entsteht spontaner, als bislang angenommen.

Drei Jahre sind in der rasanten Welt von Facebook ein geradezu astronomischer Zeitrahmen. 2007 hatte Mark Zuckerbergs Plattform-Riese gerade einmal 50 Millionen User, heute sind es rund zehnmal so viele. Unzählige Änderungen sind seither vorgenommen worden; am skeptischsten beäugt wurden dabei freilich stets Änderungen der Nutzungsbedingungen. In der Wissenschaft laufen die Dinge hingegen noch ein bisschen gemächlicher ab. Hier können drei Jahre schon mal die Zeitdauer sein, die es braucht, bis eine Studie endlich publiziert wird.
So geschehen mit einer Untersuchung mit dem trockenen Titel „Spontane Enstehung sozialen Einflusses in Online-Systemen“, die diese Woche im amerikanischen Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienen ist. Anhand von Daten aus dem Jahr 2007 ermittelten Jukka-Pekka Onnela und Felix Reed-Tsochas von der University of Oxford, was Facebook-Applikationen zum Renner werden lässt. Zwar hat sich auf Facebook seither einiges geändert, doch das spielt in diesem Fall keine Rolle. Tatsächlich ist die Studie sogar wegweisend: Während bei ähnlichen Untersuchungen von viralen Prozessen Content und Produkte unter die Lupe genommen wurden, die bereits erfolgreich waren, umfasst diese Untersuchung alle verfügbaren Applikationen zum Erhebungszeitraum.
„Es gab viele Forschungen darüber, wie sich Ideen und Produkte ausbreiten“, so Felix Reed-Tsochas, allerdings: „Früher waren wir nur in der Lage, die Ausbreitung erfolgreicher Innovationen zu verfolgen.“ Die nun publizierte Untersuchung vergleicht er mit dem Tausch eines festgeschraubten Teleskops, das bloß die Sicht auf eine beschränkte Anzahl von Sterne erlauben würde, „mit einer vollständigen Karte aller Sterne im Universum“. Tatsächlich förderte die vollständige Karte des Facebook-Universums eine kleine Überraschung zutage.
„Unsere Analyse enthüllt eine sehr interessante neue Erkenntnis“, legt Reed-Tsochas dar. „User scheinen von den Entscheidungen anderer User bloß oberhalb einer bestimmten Popularitätsgrenze zu beeinflussen“. Ab diesem Punkt wird Popularität zum Selbstläufer. „Unterhalb dieser Schwelle sind die Auswirkungen von sozialem Einfluss winzig.“ Wenn eine App aber einmal rund 55 Installationen pro Tag erreicht hatte, stieg sie in höchste Höhen auf. Dabei handle es sich jedoch nicht um den typischen Effekt, dass Krankheiten erst ab einer gewissen Ansteckungsquote zu Epidemien werden, sondern um eine Besonderheit im System selbst, wie die mathematische Auswertung ergab.
Weil Popularität hauptsächlich von den Entscheidungen anderer Nutzer in der Community abhängig zu sein scheint und nicht von der Eigenschaft der Applikation selbst, so Reed-Tsochas, sehe es nicht danach aus, dass der Erfolg oder Misserfolg einer App vorhersehbar wäre.
Quellen:
J.-P. Onnela & F. Reed-Tsochas (2010): Spontaneous emergence of social influence in online systems. Proceedings of the National Academy of Sciences; DOI: 10.1073/pnas.0914572107
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