Twitter-Psychologie

Vier Jahre Microblogging schlagen sich auch in psychologischen und soziologischen Forschungen nieder. Die Ergebnisse sind mannigfaltig: Kommunikation auf Twitter ist schnell, markenaffin, wenig sozial und kann Ängste lindern. Ein Überblick.

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Einige Zeit sah es fast so aus, als könnte Twitter seine beste Zeit bald hinter sich haben – die Benutzerzahlen schienen zu stagnieren, viele angemeldete User erwiesen sich als Karteileichen. Doch die neuesten Statistiken sprechen eine andere Sprache: Alleine von Juni 2009 bis Juni 2010 verzeichnet Twitter ein Wachstum von 109 Prozent, auf manchen Kontinenten sogar von bis zu 305 Prozent. In Europa haben sich die Unique Visitors inzwischen mehr als verdoppelt und sogar in Nordamerika scheint das Wachstum kein Ende zu finden. Doch was treibt Twitter-User eigentlich an, sich in der wunderbaren Welt der 140 Zeichen auszutoben?

Um diesbezüglich etwas Licht ins Dunkel zu bringen, hat das auf Psychologie-Studien spezialisierte PsyBlog eine faszinierende Liste zusammgestellt: „Twitter: 10 Psychological Insights“. Manche der Forschungsergebnisse sind überraschend, auf alle Fälle aber sind sie unterhaltend. Hier ein paar Auszüge:

  • Twitter ist wie stille Post
    Da Tweets schnell und einfach zu schreiben sind, können sich manchmal – wie einer Party – spritzige Gespräche entwickeln, so das Ergebnis einer Studie. Der Unterschied: Statt nur mit einem bzw. einer Gruppe von Menschen zu plaudern, lassen sich auf Twitter mehrere Gespräche parallel führen. Da kann es schon mal sein, dass die ursprüngliche Message durch Retweeten einer Wandlung unterzogen wird: Sie wird anders gewichtet, neu interpretiert oder schlicht missverstanden – ähnlich wie bei „Stille Post“.
  • Mehr Frauen, wichtigere Männer
    Zwar sind laut Bill Heil und Mikolaj Piskorski (2009) 55 Prozent aller Twitter-User weiblich, allerdings haben Männer im Schnitt um 15 Prozent mehr Follower. Der Grund: Ein männlicher Twitter-User folgt einem anderen Mann mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit als einer Frau. Man könnte das Kumpanei nennen, allerdings folgen auch Frauen mit 25 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit einem Mann.
  • Twitter-Trends sind kurzlebig
    Trends zu einem bestimmten Thema halten auf Twitter nicht seht lange an: Nur selten wird länger als eine Woche zu einem bestimmten „trending Topic“ getwittert, die meisten davon kehren nach ihrem Versiegen nicht mehr auf die Bildfläche zurück. 85 Prozent der Trendthemen beziehen sich auf Nachrichten, wie Haewoon Kwak und Kollegen (2010) herausfanden.
  • Angst lässt Extrovertierte ertwittern
    Auch wenn es grotesk klingen mag – eine kleine Studie aus Singapur kam tatsächlich zum Schluss: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmer Microblogging nicht dazu verwendeten, ihre Bedürfnisse nach sozialer Verbindung und Zugehörigkeit zu befriedigen, sehr extrovertierte Teilnehmer verwendeten es aber um ihre existenzielle Angst zu mildern.“
  • Twitter ist nicht wirklich sozial
    Möglicherweise ist das der Grund, weshalb Twitter trotz aller Wachstumsraten nicht in der gleichen Liga wie Facebook spielt: Laut einer Untersuchung aus dem vergangenen Jahr sehen Twitter-User einander nämlich primär als Informationsquelle, der soziale Aspekt steht eindeutig im Hintergrund. Das zeigt sich auch an der geringen Dichte reziproker Verhaltensweisen („Wie du mir, so ich dir“), die sich sogar auf Diensten wie Flickr weitaus häufiger finden.

Eine weitere unterhaltsame Liste über „Die Psychologie von Twitter“ hat kürzlich übrigens auch www.altagsforschung.de zusammengetragen. Eine der dort angeführten Studien widmet sich dem Thema Mundpropaganda: Demnach wurde in 19 Prozent aller 150.000 Tweets eine Marke erwähnt. In der Hälfte der Fälle fiel der Markenname in einem positiven Kontext, in jedem dritten Tweet waren es jedoch Unmutsäußerungen – es gibt für Marken also noch jede Menge zu tun.

Auch die Stimmung lässt sich auf Twitter messen, wie Wissenschaftler der amerikanischen Northeastern University in einer eindrucksvollen Visualisierung von 300 Millionen Tweets beweisen:


Je grüner, desto zufriedener

Quellen:
http://www.comscore.com
http://www.spring.org.uk
http://www.alltagsforschung.de
http://www.youtube.com/amislove (Screenshot)