Ausgetwittert? Aber nicht doch!

Seit Monaten geistern Meldungen durch die Medien, dass Twitter Nutzer verliert. Wie eine neue Untersuchung nun zeigt, wächst die Twittersphäre bloß langsam. Die Qualität der Accounts stieg jedoch an.

Es ist schon erstaunlich: Abgesänge auf Twitter scheinen bereits fast so alt wie der Microblogging-Dienst selbst zu sein. Bloß 40 Prozent aller registrierten Nutzer loggen sich noch ein, meldete das Marktforschungsinstitut Nielsen im April 2009. Im November wussten die Marktforscher sogar bereits von einem satten Verlust von Usern zu berichten: Die Nutzerzahl sei von September bis Oktober um satte 27,8 Prozent eingebrochen, hieß es damals.

„Je höher man fliegt, desto tiefer fällt man auch“, urteilte etwa Spiegel Online nicht ohne Schadenfreude. Eine Darstellung, die keineswegs auf ungeteilte Zustimmung stieß. Kern der Kritik: Die Untersuchungen, auf die sich die Medien beriefen, hatten nur die Zugriffe von twitter.com erfasst, dem Web-Interface des Kurznachrichtendienstes. Doch bloß etwas mehr als 20 Prozent der Twitter-Zugriffe werden über die Webseite getätigt, der Großteil entfällt auf Clients wie Tweetdeck und Seesmic.

Wie steht es also wirklich um Twitter? Ist der Web-Dienst tatsächlich bloß noch voller Geisteraccounts, für die sich niemand interessiert? Auf Fragen wie diese versucht nun ein Bericht von HubSpot Antwort zu geben. Die Ergebnisse sind durchaus ambivalent, aber keineswegs so düster, wie die Medienberichterstattung es vermuten lassen würde.

Wahr ist, dass die Nutzer-Zuwächse deutlich zurückgingen. Wohlgemerkt: Die Zuwächse, nicht die Zahl der Nutzer selbst. Seinen höchsten Zugewinn an Usern lukrierte Twitter mit 13 Prozent im März 2009. Danach ging es erstaunlich rasant wieder bergab. Im Oktober lag die Wachstumsrate bloß noch bei 3,5 Prozent. Was war da Mitte 2009 passiert?

Ende 2008/Anfang 2009 setzte der Twitter-Hype so richtig ein. Blogs- und Webseiten begannen sich mit „Follow us on Twitter“-Buttons zu schmücken, Prominente wie Ashton Kutcher und Journalisten wie Larry King wurden zu Twitter-Stars. Das ließ auch klassische Medien hellhörig werden. Eifrig berichteten sie über den neuen Web-2.0-Dienst, der sogar Wahlentscheidungen beeinflussen können soll. „Der einzige Hype, der jetzt vorbei ist, geht vom Hype-Erschaffer selbst aus“, urteilt eine Posterous-Bloggerin scharfsinnig, „Ashton Kutcher ist derjenige, der uninteressant(-er) geworden ist. Wegen ihm haben sich damals Millionen Teenies und Groupies, die nie einen anderen Nutzen auf Twitter gesehen haben, als ihrem Idol näher zu kommen, bei Twitter angemeldet. Nachdem diese aber nach dem hundertsten Versuch, mit Kutcher zu ‚chatten‘, keinen Erfolg verbuchen konnten, wurde es ihnen zu öde auf dieser Plattform und sie kehrten zu ihren ‚normalen‘ Freunden auf Facebook oder den VZ’s zurück.“ Ähnlich sieht das auch Social-Media-Soziologe Brian Solis: „Wer einmal bei Twitter angekommen ist, erhält wenig Hilfe und Anreize, die notwendig sind, um mehr als bloß einen Account zu eröffnen, sondern auch täglich oder wöchentlich damit zu kommunizieren.“

Tatsächlich scheint aber das Platzen der Twitter-Blase nicht mit dem Ende des Zwitscher-Netzwerks einherzugehen, sondern mit einer umso nachhaltigeren Konsolidierung. Wie aus dem HubSpot-Report hervorgeht, hatten im Januar 2010 53 Prozent aller Nutzerkonten eine Biografie in ihrem Profil. Im Juli 2009 lag dieser Wert noch bei 24 Prozent. Ähnliche Steigerungswerte konnten auch die Angaben „Location“ und „Web-Adresse“ verzeichnen.

Auch die Follower/Following-Zahlen gingen in diesem Zeitraum drastisch in die Höhe. So hatte sich die durchschnittliche Zahl an Followers circa vervierfacht (trotzdem haben nach wie vor 82 Prozent aller Twitter-User weniger als 100 Followers). Allerdings stieg auch die Zahl der durchschnittlichen Updates kontinuierlich an. Dies könnte wiederum auch durch eine wachsende Zahl an Accounts zu erklären sein, die bloß mit Feeds gespeist werden.

Doch es gibt noch andere spannende Ergebnisse: Am meisten wird um 22 Uhr getwittert, aber auch zwischen 15 und 17 Uhr sind Twitter-User ziemlich mitteilungsbedürftig. Weniger turbulent geht es hingegen zwischen 1 und 8 Uhr bzw. 18 und 20 Uhr zu. Unter den Wochentagen ist der Donnerstag der König der Twittersphäre – da wird am meisten gezwitschert. Heißt das, dass man wichtige Botschaften vor allem an Donnerstagen versenden sollte? Nicht unbedingt. Wie nämlich eine andere Untersuchung zeigte, wird donnerstags zwar am meisten gezwitschert, die meisten Retweets gibt’s jedoch am Freitag.

Wie wir also sehen, ist es ausgesprochen schwer, anhand einzelner Daten Gesamturteile über Twitter zu fällen. Zu groß ist der Interpretationsspielraum, zu komplex die Dynamik. Ein Ergebnis des HubSpot-Reports bedarf jedoch wohl keiner weiteren Erklärung: Die Verteilung der Anzahl an Zeichen – die erreicht nämlich genau bei 140 ihren allerhöchsten Wert. Die Ursache ist klar: Platzmangel.

Quellen:
http://blog.nielsen.com
http://www.emarketer.com
http://www.spiegel.de
http://www.bildblog.de
http://www.hubspot.com
http://anya-rutsche.posterous.com
http://www.briansolis.com
http://socialmedia.globalthoughtz.com