430.000 Follower: Twitter-Account zu gewinnen

Im Rahmen einer mutigen Kampagne stellt die Entwicklungshilfe-Organisation Water.org für eine Woche ihren Twitter-Account zur Verfügung. Ängste, wonach schlechte Tweets die Community verärgern könnten, plagen die NGO nicht.

Water.org

„Die Zeit des parteipolitischen Taktierens ist vorüber. Wenn Sie einen Zweiparteienkompromiss sehen wollen, lassen Sie es den Kongress wissen. Rufen Sie an. Mailen Sie. Twittern Sie.“ Es war niemand geringerer als Barack Obama persönlich, der sich vor kurzem per Twitter an die US-Bürgerinnen und Bürger wandte, um seine Kontrahenten von der republikanischen Opposition im Streit um die Schuldengrenze zum Einlenken zu bewegen. Was danach folgte, sollte sich kurze Zeit später als Debakel herausstellen. Tagelang veröffentlichte sein Kommunikationsteam scheibchenweise die Twitter-Accounts republikanischer Kongressmitglieder in der Hoffnung, Web-User würden sie anschreiben und zu einem Kompromiss drängen.

Tatsächlich hinterließen die 116 Tweets, die dabei generiert wurden, ihre Spuren – vor allem jedoch an Barack Obama selbst, der sich damit unverzüglich den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Barack Ospama“ einhandelte. Innerhalb von 24 Stunden verlor der US-Präsident damit über 33.000 Follower. „33.000 von insgesamt 9,4 Millionen Followern sind zwar nicht die Welt“, kommentiert die TAZ, „aber es war das erste Mal, dass die Zahl von Obamas Anhängern – zumindest innerhalb der letzten sechs Monate – rückläufig war.“

Die missglückte Kampagne des US-Präsidenten ist nur ein Beispiel von vielen, welchen Sensibilitäten das Agieren im großen Social-Media-Teich manchmal unterworfen sein kann. Noch viel schlimmer erging es vor kurzem Microsoft: Nachdem Amy Winehouse verstorben war, rief der Microsoft-Account @tweetbox360 seine Follower dazu auf, der verstorbenen Sängerin per Album-Download auf Zune zu gedenken. Die reumütige Entschuldigung für den Tweet, der von vielen als geschmacklose Geschäftemacherei empfunden worden war, ließ nicht lange auf sich warten.

Wann die Entfolgungen und Empörungs-Tornados im Netz angebracht sind und wann nicht, muss wohl jeder für sich selbst von Fall zu Fall aufs Neue entscheiden. Allerdings stellt sich unweigerlich die Frage: Wie viel Vorsicht ist angebracht? Müssen sich Unternehmen, Organisationen, Politiker oder Behörden vor ihren eigenen Äußerungen im Social Web fürchten? Nein, sagt die amerikanische Entwicklungshilfe-Organisation Water.org. So lautet zumindest das implizite Statement einer aktuellen Kampagne, in deren Rahmen die NGO ihren Twitter-Account für eine Woche versteigert. Und das geht so:

Zunächst müssen die Teilnehmer @Water auf Twitter folgen und sich danach unter twakover.Water.org einloggen. Nicht fehlen darf natürlich eine kurze Message, warum man der oder die Richtige für den Job wäre. Wer bis 31. August die meisten Votes erhält, darf sich sodann vom 5.-11. September als Inhaber eines Twitter-Accounts mit über 430.000 Followern fühlen. Ein gewagtes Unterfangen, wie man meinen sollte. Doch Mike McCamon von Water.org ist zuversichtlich, dass die Community jemanden auswählen wird, dem die Wasserproblematik in der dritten Welt auch wirklich am Herzen liegt. Der Gedanke dahinter: Freunde und Förderer der Non-Profit-Organisation sollen für die gute Sache nicht nur Geld hergeben, sondern auch ihre Stimme und ihren sozialen Status.

Freilich: Ganz auf ein Sicherheitsnetz will auch Water.org nicht verzichten. So wird der Gewinner nicht direkt selbst twittern, sondern seine Tweets bloß an die Organisation senden. Zwar werden die Tweets weder editiert noch zurückgehalten, gelobt McCamon, allerdings: „Ich möchte uns auf diese Art vor einem Weiner-Moment bewahren.“

Doch selbst wenn sich der Gewinner des „Twakeover“-Contests als Katastrophe erweisen sollte, dürfte sich die Kampagne schon jetzt lohnen. Die Anzahl der Twitter-Follower ist in den letzten Tagen massiv angestiegen.

Quellen:
http://www.taz.de
http://winfuture.de
http://mashable.com
http://water.org (Screenshot)

Tags: , - Gepostet von Rafael Buchegger





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