Projekt MIIO – My Identity Is Open

Wie viel zählt heute noch der Datenschutz? Befinden wir uns bereits in der Post-Privacy-Gesellschaft? Mit Fragen wie diesen setzt sich ein Studentenprojekt der FH Salzburg auseinander. Eine Doku sowie eine spannende Kampagne im Social Web stellen dabei die Grenzen zwischen Realität und Dystopie auf eine harte Prüfung.

miio

Damien und Kathie sind ein Paar. Doch seit diesem Vorfall in Acapulco ist Damien skeptisch geworden: Kann er Kathie wirklich trauen? Zum Glück muss er das gar nicht: Mit seines neuen Smartphones „Miio“ kann er jederzeit sehen, was Kathie im Augenblick tut, ohne dass sie es auch nur ahnt. Derzeit ist sie im Einkaufszentrum shoppen, danach wird sie dem Friseur einen Besuch abstatten. Damiens Miio weiß vermutlich mehr über Kathie, als sie über sich selbst weiß – wo sie war, wo sie ist und sogar, per Wahrscheinlichkeitsberechnung, wo sie als nächstes sein wird. Das gilt nicht nur für Kathie: Dank der Gesichtserkennungssoftware erkennt das Miio jeden beliebigen Fremden auf der Straße, inklusive dessen Vorstrafenregister und Eignung als Sexualpartner.

Wer an dem Social-Media-Smartphone Gefallen gefunden hat, für den gibt es an dieser Stelle eine gute Nachricht: Laut dessen Website soll der Miio noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Inzwischen kann man ja schon einmal die Miio-Facebookpage liken, Miio auf Twitter folgen oder sich ein paar Informationsvideos ansehen. Wer hingegen meint, der Miio sei ein wahrer Alptraum, der sämtliche Überwachungs-Dystopien in den Schatten stellt, kann erleichtert aufatmen: Alle genannten Webkanäle sind bloß Teil eines Studentenprojekts und haben nichts mit der Markteinführung eines realen Smartphones zu tun; einen Miio gibt es nicht und wird es zumindest in naher Zukunft auch nicht geben.

Das Projekt „MIIO – My Identity Is Open“ stammt aus der Feder von fünf Master- und einem Bachelorstudenten des Studiengangs MultiMediaArt an der Fachhochschule Salzburg. Indem es inhaltlich an die aktuellen Datenschutz- und Postprivacy-Debatten anknüpft, soll das Studentenprojekt auf die Reduktion des Menschen auf seine Datensätze sowie den drohenden Verlust der Privatsphäre aufmerksam machen.

Daraus hervorgegangen ist ein Dokumentarfilm, der sich kritisch mit der Aussicht auf eine technikabhängige Gesellschaft auseinandersetzt, die das Konzept der Privatsphäre nur noch aus den Geschichtsbüchern kennt. Die Doku arbeitet mit Hilfe einer hybriden Erzählform, die dokumentarische und fiktionale Anteile miteinander vermengt. Das Publikum kann sich somit nur schwer der Frage entziehen, wie nahe das geschilderte Szenario bereits an der Realität liegt – eine Frage, die durch Interviews mit Experten wie Constanze Kurz von Chaos Computer Club oder dem amtierenden Europäischen Datenschutzbeauftragten Peter Johann Hustinx nicht gerade erleichtert wird.

Das Blog „I Am Open“, in dem Post-Privacy-Fans sich mit markigen Slogans für die restlose Offenheit aller Daten stark machen, eine Google-Adwords-Kampagne, gezielte Werbeeinblendungen auf Facebook sowie der Webauftritt des fiktiven Miio-Smartphones sollen dabei die Debatte im Social Web anheizen. Denn der eigentliche Clou hinter der Miio-Website steckt in der Ankündigung, dass das Smartphone bereits dieses Jahr erscheinen soll: Alle Besucher, die weitere Information zum vermeintlichen „Release 2011“ anfordern, werden zu einem elfminütigen Trailer der Doku weitergeleitet.

Tags: , , - Gepostet von Rafael Buchegger





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