Crowdsourcing ist mehr als nur ein Marketing-Gag, Crowdsourcing hat das Zeug zum echten Marketing-Tool. Warum das so ist, konnten nun Wissenschaftler der University of Washington zeigen: Mit den Spielern eines Onlinegames stellten sie sogar die Leistungen der besten Computersimulationen in den Schatten.

Ist Crowdsourcing wirklich der große Heilsbringer, als der er seit langem gehandelt wird? Jahrelang galt Wikipedia als das große Vorzeigeprojekt, doch die kritischen Stimmen werden lauter. „Der Reiz des Anfangs ist verloren“, postuliert man bei der FAZ und laut Spiegel hat die Jugend ohnehin „Null Blog“ auf aktive Partizipation im Web. Auch wenn die desillusionierenden Szenarien der Presse übertrieben sein mögen, bleibt trotzdem die Grundfrage: Crowdsourcing – wozu überhaupt? Sind Webuser bloß als Marken-Botschafter zu gebrauchen oder kann deren echte Teilnahme am Produktions- und Dienstleistungsprozess die Qualität des Angebots tatsächlich verbessern? Fragen wie diese beschäftigen zurzeit nicht nur Marketingexperten, sondern auch den Wissenschaftsbetrieb.
In den Ribosomen, der „Proteinproduktionsmaschinerie“ der Zelle, ist ein Protein im Grunde erst einmal eine Aminosäurenkette. Dann dreht, biegt und faltet es sich rasch zu jener verschlungenen Form, die darüber entscheidet, welche Funktion es in einem Organismus einnimmt. Die Frage aber ist, wie sich anhand der DNA-Sequenz des Proteins herausfinden lässt, welche Struktur es einnehmen wird. Das mag sich wenig spannend anhören, ist aber durchaus von großem Wert: Von allen Molekülen, die bisher in lebenden Organismen gefunden wurden, sind Proteine die wichtigsten. Ihre Aufgaben reichen von der Spaltung von Nahrung über die Energieversorgung der Muskeln bis hin zur Signalübertragung im Hirn. Die Strukturen von Proteinen zu verstehen ist also kein Spleen von gelangweilten Biochemikern, sondern wäre etwa für die Gewinnung neuer Medikamente von essenzieller Bedeutung.
Allerdings stoßen hier selbst hochkomplexe Computerprogramme an ihre Leistungsgrenzen. Wissenschaftler der University of Washington beschritten daher vor wenigen Jahren einen neuen Weg und kreierten Foldit, ein Computerspiel, bei dem Laien ihre bis dahin vermutlich ungeahnten Talente im Falten von Proteinen entdecken können. Foldit präsentiert das Proteinfalten als visuelle und räumliche Herausforderung für den Spieler, dessen Ziel es ist, ein Protein gemäß der vorgegebenen Spielregeln zu arrangieren – Vorkenntnisse sind dafür nicht notwendig. Und tatsächlich: Seit Mai 2008 haben sich bereits über 57.000 Webuser das Onlinegame heruntergeladen. Doch was hat es gebracht?
Eine beeindruckende Antwort darauf liefert eine Anfang dieses Monats in der Fachzeitschrift Nature erschienene Studie. Das Ergebnis: In drei von zehn Fällen erreichten die besten Foldit-Spieler und die gegenwärtig besten Computersimulationen etwa gleich gute Ergebnisse nahe an der tatsächlichen Form des zu faltenden Proteins. In fünf Fällen waren die besten Ergebnisse der Foldit-Spieler sogar erheblich besser. Bloß in zwei von zehn Fällen waren die Spieler den Computerergebnissen unterlegen. Interessantes Detail am Rande: Keiner der fünf bestplatzierten Spieler hatte Chemiekenntnisse, die über das Schulwissen hinausgingen.
Foldit beweist, welch enormes Potenzial Crowdsourcing innewohnt, wenn die Herausforderungen angemessen präsentiert werden, indem sie auf die einzigartigen Fähigkeiten des Menschen eingehen: Intuition, Anpassungsfähigkeit, Kooperation, Ehrgeiz oder, im Falle von Foldit, räumliche Wahrnehmung. Wenn ein Haufen gewöhnlicher Gamer eine derart hochkomplexe Aufgabe besser bewältigen kann als von wissenschaftlichen Koryphäen programmierte Supercomputer, warum sollte dann etwa kleinen abgeschotteten Arbeitsgruppen die Entscheidung überlassen sein, welche Geräuschkulisse die Straßen der Zukunft beherrscht?
http://www.vocanic.com
http://www.spektrum.de
http://www.nature.com
http://de.foldit.wikia.com
http://www.youtube.com/spektrumverlag (Screenshot)
Tags: crowdsourcing, online gaming, studie - Gepostet von Rafael Buchegger






















