“Hättest du dir jemals gedacht, dass ein Vulkan dir deinen Tag vermiest” lautete ein Tweet eines Teilnehmers der re:publica 2010, die vergangene Woche in Berlin stattgefunden hat. Nein, hätte ich zugegebenermaßen nie gedacht und wäre dies nicht passiert, hättet ihr meinen Nachbericht zur re:publica bereits früher lesen können. Aber nun bin ich ja wieder zurück aus Berlin und voilà, hier ist er auch schon: mein persönlicher Rückblick auf drei Tage Inputs, Meet-ups & jede Menge Social Media.
Von 14.-16. April trafen sichvergangene Woche über 2.500 Blogger, Social Media-Interessierte und JournalistInnen, um sich unter dem Motto “nowhere” über den Einfluss des Internets auf die Gesellschaft – und natürlich umgekehrt – auszutauschen. 265 SprecherInnen aus 30 Ländern sorgten in 165 Veranstaltungen dafür, dass den TeilnehmerInnen nicht langweilig wurde. Und das passierte bei dieser Fülle an Programmpunkten garantiert nicht. An 3 verschiedenen Locations (Friedrichstadtpalast, Kalkscheune und Quatsch Comedy Club) fanden parallel zahlreiche Sessions statt, die sich mit Web 2.0, Social Media und der Zukunft von Web & Gesellschaft beschäftigten.
Highlight des ersten Tages war für viele – und so auch für mich – der Vortrag von Jeff Jarvis über “The German paradox”, einem Appell an das Publikum, sich doch weniger Sorgen um die Privatsphäre zu machen und den Wert der Öffentlichkeit mehr hervorzuheben. Wie Jeff Jarvis darauf kommt? Er kann nun mal eben nicht nachvollziehen, dass die Deutschen ihre Privatsphäre so vehement schützen und gegen Google’s Street Car vorgehen, sich jedoch nackt in die Sauna zu unbekannten Menschen setzen. Jeff Jarvis selbst zeigt, dass in Amerika die Uhren anders ticken: er hat sich in seinem Blog öffentlich zu seinem Prostatakrebs bekannt und zahlreiches Feedback seiner LeserInnen erhalten. Was vermutlich auch daran liegen mag, dass Jeff Jarvis eben Jeff Jarvis ist. Peter Kruse, der darüber sprach, wie Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren, war sich jedenfalls sicher: die Lawine rolle bereits und könne auch nicht mehr aufgehalten werden. Die Veränderungen durch das Internet seien systembedingt und könnten lediglich durch das Abschalten des Netzwerks aufgehalten werden. Web 2.0 würden nun eben ein Umdenken erfordern, nicht zuletzt, da sich die Macht von Anbietern auf Nachfrager verschiebt. Sein Fazit: wenn man schon über diese Phänomene diskutieren will, dann bitte nicht mit Möchtegern-Experten, die im Web 2.0 nicht mal Spuren hinterlassen, sondern eben mit der Community, denn die weiß ja schließlich am besten, was sie tut. Für viele das abschließende Highlight des ersten Tages: Sascha Lobo, der mit seinem Vortrag “How to survive a shitstorm” die Meinungen des Publikum teilte. Las man auf twitter Kommentare à la “Jetzt: @shitstorm mit: How to survive @saschalobo. Oder so. #rp10″ /via @StefanOsswald (und mal ehrlich, ich kann dieses Kommentar nur unterstreichen), applaudierte widerum das Publikum im Saal bei einem Vortrag, der mir etwas Sinn-los erschien. Für mich gab es jedoch ein ganz anderes Highlight als Abschluss des ersten Abends: die Twitterlesung. Hier wurden quasi Meisterstücke an deutschen 140-Zeichen Tweets in Kategorien verpackt zum besten gegeben und sorgten für eine ordentliche Beanspruchung der Lachmuskeln. So sorgten Tweets wie “So, this “One Laptop Per Child” thing. Where do I drop of the child and pickup a Laptop?” oder “Ich kauf doch keine fett-arme Milch und unterstütze damit den Schlankheitswahn der Kühe” für Erheiterung.
Auch der zweite Tag brachte vielversprechende Vorträge mit sich. So sah Mark Glaser Web 2.0 unter anderem als Chance für den Journalismus, sich menschlicher zu präsentieren und wies auf die Relevanz der Formel “work with & listen to the audience” hin. Luca Hammer, in der österreichischen Bloggerszene wahrlich kein unbekanntes Gesicht, schaffte einen gelungenen Überblick rund um die Ereignisse & Erfolge von #unibrennt, einer Studentenprotestbewegung, die unter anderem via twitter ihren Lauf nahm. Für Social Media Manager bat der Vortrag von Madlen Nicolaus, Social Media Managerin bei Kodak, spannende Insights mit sich. Ihre Kernaussage: Mitarbeiter soll man untersützen, wenn sie im Web 2.0 tätig sein wollen. Die Geschäftsführung muss Social Media vorleben, damit es auch bei Mitarbeitern ankommt.
Und auch am dritten Tag warteten noch Highlights auf das Publikum: da war zum einen Götz W. Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm, der mit seinem Vortrag über die “Revolution im Kopf” das Publikum nicht nur in seinen Bann zog, sondern durch seine These “Bedingungsloses Grundeinkommen für alle” auch viele Fragen aufwarf, die er mit viel Freude und Gelassenheit beantwortete, obwohl der Zug bereits rief. Auch Miriam Meckel, Universitätsprofessorin in St. Gallen, überzeugte mit ihrem Vortrag über die “Grenzen menschlichen Ermessens und das Ermessen menschlicher Grenzen”. Sie sprach über die menschliche Freiheit, die wir für den Preis der Unberechenbarkeit bekommen, und die Wahrscheinlichkeit eines Computers, Zufall zu erzeugen, die für Meckel jedoch quasi unmöglich ist. Wie man auf darauf kommt, sich mit dieser Frage zu beschäftigen? Nun ja, vermutlich dann, wenn man als Autorin auf Amazon das eigene Buch empfohlen bekommt.
Dies nur ein kleiner Auszug an spannenden Vorträgen und Workshops, die im Rahmen der re:publica in Berlin stattgefunden haben. Die Zusammenfassung einer Live-Demo von Chatroulette durch Melissa Gira Grant spare ich mir an dieser Stelle auch besser
Die re:publica, vor vier Jahren urpsrünglich als Blogger-Konferenz auf die Beine gestellt, hat sich zusehends zu einer nicht wegzudenkenden Social Media-Konferenz entwickelt. Beit weitem war nicht mehr nur Blogger aus der Szene in Berlin, viel breiter war das Publikum gefächert. Nerds mit dicken Brillen und hinter ihren Laptops versteckend suchte man vergeblich, zum Teil glich die Konferenz schon eher einem Fashionevent (nicht umsonst gab es eine Session unter dem Titel “Wenn Prada Pakete verschickt – Die Macht der Modeblogs). Und auch wenn es unmöglich war, einen Konferenzteilnehmer ohne iPhone, Laptop und Co. anzutreffen, war die Stimmung auf der Konferenz gut und die Leute aufgeschlossen und sympathisch. Kurze Meet-ups mit anderen Twitterati an der Bar wurden eben mal in 140 Zeichen ausgemacht und die Ergänzung des twitter-Usernamen am Namensschild sorgten dafür, dass man sich bei einem Locationwechsel erkannte und auch das ein oder andere Wort wechselte. Dass man sich duzte, war ebenso selbstverständlich.
Die Stimmung und Eigendynamik, die auf der re:publica herrschte, ist kaum zu beschreiben. Doch hier zwei Versuche: als Donnerstag Abend bekannt wurde, dass auf Island ein Vulkan ausgebrochen sei und viele Flughäfen in Europa gesperrt werden, wurde beim Laberflashmob der Hashtag #ashtag geboren, der via twitter schnell seine Verbreitung fand und nun international für den Vulkanausbruch auf Island steht. Vortragende und TeilnehmerInnen der re:publica selbst saßen oftmals in Berlin fest und so kam es, dass dies nicht nur ein running gag wurde, sondern viele unerwarteterweise doch noch bei der Abschlussparty gesehen wurden. Und auch die Abschlussrede zeigt, dass eben nun mal nicht immer alles nach Plan läuft und die Stimmung dennoch bestens war: da es technische Probleme gab, musste man eben improvisieren. Was dabei herausgekommen ist? Nun ja, die Social Media-Welt singt gemeinsam “Bohemian Rapsody”
Fazit der Konferenz: wer sich für Web 2.0 und dessen Einfluss auf die Gesellschaft interessiert, ist bei der re:publica genau richtig. Eine Fülle an Vorträgen sorgt für einen konstruktiven Wissensaustausch und spannende Diskussionen. Die re:publica begeistert die TeilnehmerInnen – und so auch mich – vermutlich deshalb, da sie sehr informell ist und dennoch so gut funktioniert. Bei welcher Konferenz sonst würde sich ein Vortragender mit einer Flasche Bier auf die Bühne stellen und wo sonst singt man geschlossen “Bohemian Rapsody” zum Abschluss? Was bleibt? Viele aufgeworfene und offene Fragen, über denen – ganz im Zeichen von Peter Kruse – wohl eine große steht: What’s next?
Bildquellen:
re:publica @ flickr, Photos by Daniel Seiffert
Tags: berlin, Jeff Jarvis, konferenz, re:publica, social media, web 2.0 - Gepostet von Manuela Mörtenbäck





















